Titel:Stadtbild
„Bei der Migration sind wir sehr weit. Wir haben in dieser Bundesregierung die Zahlen August 24, August 25 im Vergleich um 60 % nach unten gebracht, aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen. Das muss beibehalten werden, das ist in der Koalition verabredet.“ (Friedrich Merz)
Die Aussage löste eine breite gesellschaftliche Debatte aus – nicht nur über politische Strategien, sondern auch über die Wahrnehmung und Sichtbarkeit von Menschen mit Migrationsgeschichte. Im öffentlichen Diskurs verschob sich der Fokus zunehmend: weg von strukturellen und politischen Fragen, hin zu Zuschreibungen, Bildern und Projektionen. Plötzlich standen nicht mehr politische Entscheidungen im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern Körper, Herkunft und vermeintliche Zugehörigkeit. Aus dieser Beobachtung heraus entstand die vorliegende Arbeit.
Ich fotografierte die Hände männlicher Geflüchteter, die seit 2015 in Marburg leben und sich häufig im Umfeld des Bahnhofs begegnen. Hände entziehen sich der schnellen Kategorisierung. Sie tragen Spuren von Arbeit, Zeit und Erfahrung, ohne unmittelbar Herkunft, Religion oder sozialen Status preiszugeben. Während Gesichter oft sofort gelesen und eingeordnet werden, eröffnen Hände einen Raum für Ambivalenz und individuelle Betrachtung. Die Arbeit versteht sich als visuelle Gegenbewegung zu vereinfachenden Zuschreibungen. Sie lädt dazu ein, Wahrnehmung zu verlangsamen und vorschnelle Urteile zu hinterfragen. Denn das, was wir auf den ersten Blick zu erkennen glauben, erzählt selten die ganze Geschichte. Auch wenn einzelne Menschen bestehende Systeme missbrauchen mögen, darf daraus kein kollektives Bild entstehen, das auf alle übertragen wird. Zwischen politischer Sprache und öffentlicher Wahrnehmung steht der einzelne Mensch.
Das rote Papier verweist auf die oft von Gewalt, Verlust und Unsicherheit geprägten Wege nach Europa. Es erinnert daran, dass hinter politischen Debatten Menschen stehen, deren Erfahrungen unsere Aufmerksamkeit verlangen und nicht verdrängt werden dürfen.